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Viele Leute schätzen es, sich vor dem Betreten eines unbekannten Lokals zuerst durch einen Blick durchs Fenster sowie auf die Speisekarte einen Eindruck von Stil, Angebot und auch Preislage des Etablissements zu verschaffen. Mit dieser Tour hat man in Russland überhaupt keine Chance. Hier wird bis zuletzt mit verdeckten Karten gespielt. Getönte oder Blindglasscheiben verwehren jeden Blick ins Innere, und auch der verstohlene Blick durch den Türspalt prallt oft an einem Korridor oder einer Treppe ab - die meist in den Keller führt. Hat sich die letzte Tür hinter dem Gast geschlossen und tritt er nicht augenblicklich den Rückzug an, muß er die Suppe eben auslöffeln. Dabei wird ihn mitunter das Gefühl beschleichen: 'Ich wollte doch eigentlich nur was essen gehen...' Er fühlt sich nämlich, von schummrigem Licht, Kuschel-Musik, breitschultrigen Kellnern, hochhackigen Bedienerinnen und einer Aura angestrengter Exklusivität umgeben, in eine Privatclub-Atmosphäre geraten. Aber nein, es ist wirklich ein Restaurant, ein "besseres" sogar: Man befindet sich hier in der Gesellschaft der Erfolgreichen - die beim Essengehen nichts störender zu empfinden scheinen als das Tageslicht. Und man zahlt dafür auch dementsprechende Preise, die es mit denen der westlichen "guten Adressen" locker aufnehmen können.
Zum Glück ernährt sich auch die "breite Bevölkerung" des Landes, und zwar in einer Weise, die durchaus Hand und Fuß hat.Wer den Mut aufbringt, die Tür zu einem der oft recht schäbig wirkenden "Kafes" aufzumachen, kann positive Überraschungen erleben. Einen Kaffee sollte man besser nicht nehmen: Während sich die Pendants zu unseren Cafes "Kafeinja" nennen, ist ein "Kafe" eher mit einem Bistro vergleichbar. Hier werden, in etwas gestraffter Auswahl, einige der grundsoliden russischen Basis-Gerichte angeboten, und zwar aus allen Menübereichen - von Imbissen, Vorspeisen und Suppen über Hauptgerichte zu Süßspeisen. Und das zu äußerst günstigen Preisen: meist unter 1 Euro pro Artikel. Man kann hier also zu einem vollwertigen Abendessen kommen - muß aber auch nicht, denn die Atmosphäre ist zwanglos genug, es vollkommen dem Gast zu überlassen, was er will - sei es auch nur ein Bier. (Bei aller Zwanglosigkeit muß man allerdings gerechterweise in Kauf nehmen, dass am Nachbartisch bereits mehrere Biere geflossen sind und der Pegel akustischer und emotionaler Emissionen dementsprechend erhöht ist.)
Weitere Varianten dieser publikumsfreundlichen Einrichtung nennen sich "Kafeteria" oder "Stolovaja" ("Kantine") - auch sie bieten eine zumeist akzeptable Versorgung, und zum Gourmet-Trip ist man ja eh nicht nach Russland gekommen. Darüber hinaus sorgt in den Städten eine komfortable Dichte von Ess-Buden dafür, dass man nicht befürchten muss, aus blossem Hunger im Verlies eines "gehobenen" Restaurants zu landen.
Die tragende Säule der russischen Sättigungstechnik bildet eine einfache Formel, die sich jedoch in unzähligen Formen variieren läßt: Teig mit Füllung. Als Hülle kann Hefe-, Blätter-, Nudel- oder Pfannkuchenteig dienen, als Füllung kommt so gut wie alles in Frage was - außer Teig - sonst noch essbar ist: von Marmelade, Quark oder Käse über Gemüse, Kartoffeln und Pilze, Fleisch und Wurst bis hin zu Lachs und Kaviar. Einige der auf dieser Formel basierenden Kreationen haben sich als "Piroschki" ("Piroggen" - Füllung im Teig eingebacken), "Blini" (Füllung in quadratisch gefaltete Pfannkuchen eingewickelt) oder "Pel'meni" (mit Tortellini vergleichbar, aber immer frisch von Hand zubereitet!) auch international einen Namen gemacht. Außerdem weiß die russische Küche ihre vorzügliche saure Sahne ("Smetana" - nicht der Komponist der "Moldau", der war nämlich Tscheche) sehr geschickt zur Aufwertung einzusetzen, variiert mit einer breiten Palette von phantasievoll bezeichneten "Salaten" (kompakt, eher mit sog. "Cocktail-Salaten" vergleichbar) und bietet ordentliche Suppen an (z.B. "Borschtsch" oder "Sol'janka"). Es muss also nicht immer Kaviar sein. Eine der erfreulichsten Entwicklungen des neuen Russland kommt Biertrinkern zugute. Mußte man es früher als seltenes, unverdientes Glück empfinden, wenn einem zum Abendessen eine Flasche Bier zuteil wurde (die oft schon nach dem Frühstück geöffnet auf den Tisch gestellt worden war, vermutlich aus Gründen der Arbeitsvereinfachung), so steht der Zecher heute einer erschlagenden Vielfalt von Biersorten gegenüber. Es gibt eine große Anzahl von Brauereien, die wiederum darin wetteifern, möglichst viele verschiedene Sorten auf den Markt zu bringen. Die Spitzenreiter unter ihnen, z.B. "Baltika", kommen gar nicht mehr nach, ihren Kreationen verschiedene Namen zu geben, und nummerieren sie der Einfachheit halber nur noch durch - man ist inzwischen irgendwo in den Dreißigern angelangt. Nur eine Sorte wird man vergeblich suchen: einen "Russen"! (Wie man übrigens auch enttäuscht werden dürfte, wenn man im Kafe "Russisch Ei" bestellt.)
Das Angebot wird vom Markt gut absorbiert, nicht zuletzt aufgrund der günstigen Preise (ein halber Liter kostet im Laden ab ca.30 Cent, dieselbe Menge frischen Faßbiers muß im Kafe nicht mehr als das Doppelte kosten). Der lebhaften Nachfrage entgegenkommend, werden die Parks und schönsten Perspektiven der Städte scheinbar zügellos mit Bierzelten in den bunten Farben der Brauereien zugestellt, und zur Abendstunde zeigt sich kaum noch ein Bürger, sei es Mann oder Frau, in der Öffentlichkeit ohne eine geöffnete Flasche oder Dose in der Hand - wobei die Damen eindeutig Dosen in Metallic-Lackierung bevorzugen.
Einem verbundenen Bedürfnis folgend, werden die Stadtansichten zusätzlich um ganze Batterien von Dixi-Klos bereichert, wie von unseren Baustellen bekannt. Deren Besuch kostet allerdings mit oft 10 Rubel fast genausoviel wie eine weitere Flasche Bier, so dass nicht wenige nach alternativen Lösungen suchen. Eine der eleganteren Art ist, in ein Kafe zu gehen und dort für 7 Rubel einen Tee zu trinken - 3 Rubel gespart, ein "normales" Klo und sogar noch eine Tasse Tee obendrauf! Wer zum Frühstück gerne viel Kaffee trinkt, hat dagegen ungleich schwerere Zeiten zu gewärtigen. Es setzt sich in den Hotels immer mehr durch, den Kaffee nach neuwestlicher Art tassenweise aus teuren Maschinen zu pressen anstatt aufzubrühen - was einerseits der Qualität durchaus zugute kommen mag. Andererseits driften Menge und Preis in krass gegenläufiger Tendenz weit auseinander. Zum includierten Frühstück gibt's gerade noch ein etwas größeres Espresso-Tässchen - wem das nicht reicht, kann auch schon mal an die 2,50 Euro für eine weiteres veranschlagen. Oft ist's aber auch nur dasselbe Quantum Nescafe oder schwer geniessbarer, süßer Instant-Mix. Da sollte man dann lieber gleich einen Tauchsieder mit ins Gepäck nehmen, da bekommt man dann wenigstens, soviel man will. Oder - "When in Rome, do as Romans do" - man schließt sich einer wachsenden Zahl von Russen an und beginnt den Tag so, wie man den vorherigen beschlossen hat: mit einer Flasche Bier. Beim Tee ist übrigens eine ähnliche Entwicklung zu verzeichnen. Vorbei
die gute alte Samowar-Zeit, die auch noch in der "CCCP" weiter
gepflegt wurde - Tee war damals ein stets in Mengen verfügbares und fast kostenloses
Massengetränk von guter Qualität. Seit die mittelasiatischen Völker jedoch gegen
Russen, andere und sich selbst um ihre Unabhängigkeit kämpfen anstatt Tee zu
liefern, kommt im Mutterland ein Tässchen heisses Wasser und ein Beutel "Ceylon"
auf den Tisch - und damit basta. |
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