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Ausstieg

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Samstag 24.04.

 Erneut prächtiger Sonnenschein, und heute steht Marco Polos "Stadtspaziergang Nr.3" auf dem Programm. Ich steige am Lubjanka-Platz ein, gegenüber dem vormaligen Hauptquartier des KGB (Kommittee für Staatssicherheit). Die Aura von Furcht vor Bespitzelung umgab viele Jahrzehnte das wuchtige Gebäude; ist jedoch gottlob verflogen, denn inzwischen residiert darin nicht mehr der KGB, sondern der Nachfolger des KGB , der FSB (Föderaler Sicherheitsdienst), offenbar ebenfalls ein so riesiges Gebäude benötigend.

"Es ist aber verboten - Haha!"

Vorsicht - KGB! (rechts i. Hg.)

An der Bol'schaja Lubjanka, gegenüber dem KGB- resp. FSB-Gebäude, ein ebenso mächtiger Bau mit düsterer granit-grauer Fassade, in dem gerade einige Militärs verschwinden. Ich bleibe vor dem Portal stehen, über dem noch die UdSSR-Embleme eingemeißelt sind, und suche nach einem HInweis, um welche Behörde es sich hierbei handeln könnte. Währenddessen nähert sich ein Uniformierter und spricht mich von der Seite an.

"Fotografieren Sie hier? Fotografieren ist nämlich verboten." (Deutet auf das Gebäude)
Meine Camera ist fest in der Tasche verstaut.
"Ich fotografiere ja gar nicht."
"Ach ja? Sie fotografieren nicht? Dann brauche ich Ihnen ja gar nicht zu sagen, dass es verboten ist. Es ist aber - verboten. Haha!" (Lacht und macht sich beschwingt auf den Rückweg zu seinem ca. 50 m entfernten Posten, wo er, so mein Eindruck, eigentlich den Verkehr zu beaufsichtigen hat.)

Allmählich kommt mir das Gefühl, dass sich hier wirklich viel geändert hat. Zumindest scheint der Staat den unzähligen Aufpassern und Verbietern die Freude an ihrem Beruf zurückgegeben zu haben. Früher hätte sich wohl keiner die Mühe gegeben, sich auch noch auf den Weg zu machen, um jemandem, der gar nichts tut, mitzuteilen, was verboten wäre, wenn er es tun würde. Und wenn einmal eine Maßregelung angebracht erschien, so brachte man diese mit einem stirnrunzelnden Gestus vor, der dem Verbot eine gewisse Notwendigkeit beilegte. Der wird heute nicht mehr verlangt - Verbieten macht einfach wieder Spaß! Und ein ganzes Heer privater Sicherheitsdienste macht daraus ein gutes Geschäft und gibt unkompliziert denkenden Menschen mit guter Kampfsportausbildung eine positive Perspektive.

Im Kuzneckij Most gibt sich die Crème westlicher Haute-Couturiers ein Stelldichein. Seit' an Seit' stehen microfein geputze Läden mit klangvollen Namen meist französischer oder italienischer Phonetik, und mit großen Fenstern, in denen wenig drin ist. Vor dem einen oder anderen ein dezent gekleideter Security-Mann. Die haben freilich einen übersichtlichen Arbeitsplatz, denn ich sehe nicht, dass jemand einen der Läden betritt, es sei denn der "Boutiquier" selbst, nachdem er ein bisschen in die Sonne geschnuppert hat. Überhaupt ist auf dieser Straße kaum jemand unterwegs an diesem Samstagmittag.In der nagelneu restaurierten überdachten Edel-Meile "Petrowskij Passash" das selbe Bild der gähnenden Leere. Es ist vermutlich ein Irrtum anzunehmen, die Kundschaft dieser Firmen "gehe" Einkaufen. Auch sind das wahrscheinlich gar keine Läden, sondern Repräsentanzen.

Prète-a-porter an der Metrostation

Textilgeschäft in der Petrowskij Passash

 

 

Heiraten heute (2): Fototermin in der Tverskaja

Weiter führt mein Weg die Petrowka-Straße hinauf, über die schöne Parkanlage am Strastnoj Bul'var zum Puschkin-Platz, und von dort die Twerskaja wieder hinunter auf den Kreml zu. Viele Menschen sind unterwegs, jedoch nicht in den für das Hauptgeschäftszentrum einer solchen Metropole anzunehmenden Massen. Vielleicht nutzen die meisten Moskauer diesen schönen Tag lieber anders als durch Geschäfte zu hasten; etliche sind auch mit den zahlreichen Hochzeits-Korsos unterwegs, die durch die Straße ziehen.

Am Manegeplatz treffen sich alle, die zu einem Rendez-Vous verabredet sind, und alle anderen Frühlings-Genießer, lagern in der Sonne oder schlendern durch den Alexander-Garten. Auch dieser Ort ist durch Zeretelis Wirken jüngst nachhaltig bereichert worden: Er hat hier einen Märchenpark angelegt mit süßlich-maniristischen bronzenen Figurengruppen auf bunt gefliesten künstlichen Gewässern. Eingebettet ist alles in ein dichtes Labyrinth mäandrierender Balustraden, die auf dickbauchigen, speckig-weißen Säulen ruhen - solchen, die als "Chinesischer Barock" die Neubauten wohlhabender Asiaten befrachten. Vielleicht war hier auch ein Kompensationsgeschäft mit dem Reich der Mitte mit im Spiel.

Neue Sportart: Laternen-Biking

Neuer Geschmack: Märchenpark

Im "Cafe des Hauses der Komponisten" gibt es laut Merian "Preise, als hätte der Sozialismus gesiegt". Diese doppelte Verheißung läßt aufhorchen, zumal auch noch "alles schmecken" soll. Das Haus befindet sich am Brjusow Pereulok 8/10. Um das Cafe zu finden, muß man den dritten Hauseingang nehmen, dann links durch eine alte Garderobe, an deren langen Ständerreihen zwar nichts hängt, davor aber eine Garderobenfrau sitzt, der bereits die Spinnweben gewachsen zu sein scheinen. Sie sagt, ich solle durch die Tür gehen, und dann links die Treppe hinauf. Oben muß man bei der Gedenktafel für im Krieg gefallene Komponisten rechts gehen, und schon ist man im Cafe. Recht gemütlicher Raum mit zwei Emporen, einige Studenten sitzen herum. Bestellt wird an der Theke, und auch gleich im Voraus bezahlt. Die Preise haben sich mittlerweile gemäß historischer Dialektik vom Sozialismus in ein gesellschaftliches Zwischenstadium zurückbewegt und sind etwa die Hälfte höher als im Merian genannt.

Im Haus der Komponisten: MTV

Ich bekomme Lachsfilet ohne alles, zwei Stück Brot und Salat "Caesar". Vielleicht hat ja auch der Imperator schon mal eine Fastenkur eingelegt, die denn in dieser Création verewig ist: Aus der Mitte eines Desserttellers lacht mich ein kleines Häufchen Chinakohl an, auf dem einige in schwimmendem Fett geröstete, jetzt aber kalte Weißbrotwürfel lagern. Soviel zum "sozialistischen" Geschichtsbild: Caesar hätte mit dieser Ration unmöglich auch nur einen kleinen Zipfel Galliens erorbern können. Aber das Bier ist für ca. 1 € wirklich in Ordnung, die Atmosphäre zwanglos, und aus dem voll aufgedrehten Fernseher dröhnt MTV.

Nach einer Pause im Hotel mache ich mich auf, um am letzten Abend nochmal "Essen zu gehen". Eine weitere Merian-Empfehlung, ein georgisches Restaurant, liegt etwas nördlich der Innenstadt in einem ganz ruhigen Viertel mit niedrigen Häuserreihen. Schon der Anmarsch zieht sich in die Länge, da Merian die Hausnummer verdreht hat. Zudem muß ich schließlich eine Abfuhr des Einlassers hinnehmen, da alles besetzt ist. Ich forsche nach weiteren empfohlenen Adressen, möglichst in erreichbarer Nähe. Die Suche wird trotzdem zur Langstrecken-Disziplin, wegen der Dimensionen der Stadt, in der eine einzige Hausnummer auch schon mal mehrere hundert Meter Breite einnehmen kann. So lerne ich, neben den abendlichen Straßen Moskaus, noch einige weitere recht attraktive Restaurants kennen, die jedoch allesamt rappelvoll sind.

Am Samstagabend ist offensichtlich jeder Stuhl in Moskauer Kneipen besetzt. Dementsprechend bilden sich auf den Plätzen größere Ansammlungen von Freiluft-Zechern, die die Balustraden der Metro-Aufgänge zu langen Theken umfunktionieren, indem sie ihre Bierflaschen darauf abstellen. Die der Metro entströmenden Passagiere erhalten dadurch, noch bevor sie die Erdoberfläche erreicht haben, den verheißungsvollen Anblick einer langen Batterie von Bierflaschen vor dem nächtlichen Firmament. Und bei 7 Grad C behält damit das Bier gleichzeitig stets Kühlschrank-Temperatur.

"Du willst vjogerln - ponimaesch'?"

Das Selbstbedienungs-Restaurant "Russkoe Bystro", Twerskaja 19, wird zu meiner letzten Rettung, die mich gerade noch davon abhält, verbittert bei McDonald's um die Ecke einzukehren. Dort ist alles sehr sauber (Einweg-Geschirr), und erstaunlicherweise ist das Lokal fast leer: Man hält sich die Hocken-Bleiber dadurch vom Hals, dass man das Rauchen untersagt - in Moskau eine extrem publikumsfeindliche Maßnahme.

Als ich anschließend auf dem Puschkin-Platz nach einem Blini-Stand für einen Nachtisch Ausschau halte, werde ich von einer Frau angesprochen, winterlich in eine Wollmütze eingepackt, die etwas mit vielen Zischlauten zu mir sagt. Ich denke, da will mich wieder jemand nach dem Weg fragen (was heute schon mehrmals passiert ist), muß aber entgegnen:
"K soshaleniju, ja ne ponimaju. (= Ich verstehe Sie leider nicht)"
"Du willst vjogerln? Ponimaesch'? (= Verstehst du?)"
Ich weiß ja eigentlich schon seit langem, dass die Russen das "ö" immer wie "jo" aussprechen, finde diese Wendung aber sowohl thematisch als auch phonetisch so verblüffend, dass ich momentan nur "lacherln" kann. Und so wurde nichts aus uns beiden. Aus dem Blini-Stand übrigens auch nichts, aber morgen gibt's ja wieder Frühstück im "Sputnik".

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