|
Freitag 23.04. Strahlende Sonne, aber kalter Nordostwind - der richtige Tag, um die Kuppeln glänzen zu sehen. Ich habe mir das Jungfrauen-Kloster und einige Kirchen aufs Programm gesetzt, will zuvor aber bei der Lomonossow-Universität vorbeischauen. Dazu nehme ich den Trolleybus, für mich seit meinem ersten Russisch-Lehrbuch das russischste aller russischen Transportmittel - nach der "Trojka" vielleicht. Zwar wußte ich schon von Kindheit an, was ein Trolleybus ist, kannte ihn jedoch in Realität nur aus meiner Sammlung von Wiking-Spielzeugautos. In den Moskauer Bussen kann man Fahrscheine in beliebiger Zahl beim Fahrer erwerben. Die Frage ist jedoch, was man anschließend mit ihnen tun muß, denn damit sind sie ja noch nicht für die aktuelle Fahrt "entwertet". Die Fahrscheine sind aus recht robustem Karton und verfügen über einen Magnetstreifen, der vermutlich auch eine Funktion hat. Im Bus befinden sich jedoch keine Geräte, die den Eindruck machen, als würden sie mit Magnetstreifen etwas anzufangen wissen. Ich bin unsicher und warte erst mal, ob mir ein anderer Fahrgast den richtigen Umgang mit dem Fahrschein vormacht, wobei ich die Gefahr einer Schwarzfahrer-Strafe von 100 Rubel (ca. 2,90 Euro) in Kauf nehme. Nach einigen Stationen verdichtet sich der Eindruck und wird mir auch allmählich klar, wozu die kleinen, primitiven Stanzgeräte dienen, die an mehreren Stellen des Busses an die Wand geschraubt sind. Schon mehrere Passagiere haben ihren Fahrschein, die meisten quer zum Magnetstreifen, da hineingesteckt und dann mit großem Schwung mit dem Handballen auf den Knopf gehauen, wobei sie wegen der Dicke des Fahrscheins so ausholen müssen wie beim "Hau den Lukas" auf dem Münchner Oktoberfest. Ich ahme sie nach - und siehe da: Der Fahrschein hat jetzt drei Löcher, die u.U. auch durch den Magnetstreifen gehen, und ist damit in der Tat "entwertet". Jedoch ist mir immer noch nicht klar, wie ein Kontrolleur nun entscheiden kann, ob diese Löcher heute entstanden sind oder vielleicht schon vor drei Wochen. Ich bleibe daher unsicher, ob ich alles richtig gemacht habe, bis ich an der Station "Universitetskaja" dem Trolleybus wieder entsteige.
Ich unternehme einen langen Fußmarsch zu den Universitätsgebäuden, um nachzusehen, ob man vom dortigen akademischen Leben vielleicht als Einzelwanderer mehr mitkriegen kann als die für jede Sightseeing-Tour obligatorische Fassade des gigantischen Baus im "Zuckerbäcker-Stil". Kann man aber nicht, denn man wird nur mit Ausweis reingelassen. Soweit man von außen den Eindruck hat, geht der Lehrbetrieb so geordnet vonstatten wie ehedem, und hat die studentische Kultur keine sichtbaren Zeichen auf dem strengen Gelände hinterlassen. Der Kassierin den Russen machen Das Nowodewitschi (Jungfrauen) -Kloster bietet ein bisschen "Mütterchen Rußland"-Feeling mitten in der ausufernden Metropole. Die Kuppeln glänzen wie erhofft in der Sonne, Mensch und Natur genießen den ersten Hauch von Frühlingswärme, und eine Alte liefert das passende Bild pittoresker Armut dazu. In einen flickenbesetzten schwarzen Wintermantel gewandet, beißt sie in einen roten Apfel.
Auch hier gespaltener Eintrittspreis, aber auch hier gelingt es mir, der Kassierin "den Russen zu machen". Dabei kommt mir bestimmt die eher wortkarge Attitüde des russischen öffentlichen Verkehrs entgegen, vielleicht aber auch mein parka-farbenes "Field Jacket" des US-Ausstatters "Land's End", das hier recht kompatibel ist. Möglicherweise erwartet man hier auch noch gar nicht, dass Ausländer jenseits geführter Gruppen auftreten. In der Tat ist es auch heutzutage gar nicht einfach, sich durch Moskau zu bewegen, ohne zumindest die russische Schrift zu kennen. Bisher habe ich noch niemanden Englisch sprechen gehört und, wo ich eingekehrt bin, noch keine englische Speisekarte gesehen. Das bestätigt sich auch beim anschliessenden Besuch des Nowodewitschi-Friedhofs. Nun, besuchen kann ihn zwar auch ein Analphabet, aber auf einem Friedhof mit so prominenter Belegschaft will man ja auch die Gräber bestimmter Personen finden. Wozu? Damit man sie dann gefunden hat! Und so suche ich - und finde etwas später - unter anderen die Gräber von N.Gogol, A.Tschechow, D.Schostakowitsch, N.Allelujewa (Stalins 2.Frau; Büste unter Glas, da man ihr schon mal die Nase abgeschlagen hat), S.Prokowjew, S.Eisenschtein, D.Oistrach und R.Gorbatschowa - auch wenn all dies viel Zeit kostet.
Auf dem Weg in die Innenstadt mache ich einen Abstecher zur Kirche "St.Nikolaus der Weber" (Komsomolskij prosp.2), da diese an Farbenfreude gar der Basilius-Kathedrahle Konkurrenz machen soll. Dort werde ich Zeuge eines wesentlichen Aspekts des neuen russischen Lebens - der Kirche in Aktion - in Gestalt einer Hochzeitszeremonie. Der Geistliche singt, unter gelegentlichen Heiserkeitseinbrüchen, endlose Litaneien. Diese sekundiert ein Sänger/innnenquintett aus einer anderen Ecke der Kirche mit süßlich jubilierenden Tönen. Währenddessen werden dem Brautpaar von hinten Messing-Kronen über die Köpfe gehalten. Die Bedauernswerten, die diese Kronen halten müssen, wechseln diese immer wieder von einer Hand in die andere, da ihnen die Arme zu erlahmen drohen. Schließlich gibt der Pope was zu trinken - aber nur dem Brautpaar -, nimmt dieses bei der Hand und führt es mehrmals im Kreis herum. Die Kronenträger, die jeder Bewegung folgen müssen, haben dabei alle Mühe, der Braut nicht auf die Schleppe zu treten. Pack die Badehose ein - der Erlöser kommt zurück
Da heute eh schon Kirchentag ist, mache ich mich auf zur "Christ-der-Erlöser-Kathetrale", dem wiedererrichteten Bollwerk der Russischen Kirche über dem Moskwa-Ufer, mit einem Fassungsvermögen von 10.000 Menschen die größte ihrer Art. So stolz, wie man heute auf den Kirchenbau ist, so stolz war man 1931 darauf gewesen, seinen baugleichen Vorgänger unter Anwendung modernster Abrißtechnik in kürzester Zeit völlig dem Erdboden gleichzumachen. Doch diese Mühe hatte man sich letztlich doch umsonst gemacht. Der Gegenschlag kam 1995 und signalisierte den Besuchern des von den Sowjets auf demselben Gelände angelegten größten Schwimmbads Europas: "Pack die Badehose ein!". Unter Einsatz von einer halben Milliarde US-Dollar wurde das ambitionierteste - und sicherlich vordringlichste - Bauprojekt der postkommunistischen Ära ins Werk gesetzt: die Wiedererrichtung der Gottesburg. Die befreiten Menschen strömen heute zuhauf hinein und bewundern die bonbonfarbenen Heiligen, die die Wände bis zur Kuppel hinauf bevölkern. Jeder steht auf seiner eigenen Wolke, die, um als trittfester Stehplatz zu eignen, so breitgeklopft sind, dass sie frisch gewaschenen Flokatis gleichen. Der Ort ist nicht nur ein beeindruckender Showroom der ewigen Glückseligkeit, sondern auch ein vorbildlich funktionierendes Geschäftszentrum. Die Kirche verfügt, neben 23 000 qm Heiligen, über eine Tiefgarage mit Auto-Waschanlage sowie über einen pompösen Festsaal, der für Bankette der neuen Elite vermietet wird. Und nicht zuletzt bilden sich stets Schlangen vor den Kassen im Kirchenraum, bei denen auch der weniger Betuchte kirchliche Dienstleistungen verschiedener Art buchen kann. Anhand einer umfangreichen Preisliste kann man wählen, ob man sich z.B. die namentliche Erwähnung in den Fürbitten im Jahresabonnement leisten kann (1 000 Rubel), oder ob es nur für ein Schnupper-Abo von einem Monat reicht (100 Rubel).
Good bye, Rossija! Ausgehend von der Pretschistenka Uliza, folge ich dem "Grand Houses Walk" aus dem Lonely Planet Guide, der wieder zum Arbat hinaufführt. Entlang des Weges durch geruhsame kleine Straßen schöne Beispiele der vielfältigen Epochen Moskauer Architektur, insbesondere des Klassizismus und des Art Nouveau. Hier offenbart Moskau seine inneren, nur zu Fuß zu erschliessenden Reize, und auch ein wenig fast kleinstädtisch anmutender Atmosphäre. Auf der Arbat-Straße kehre ich wieder im "Promenad" ein, nachdem sich herausgestellt hat, dass die Eingänge anderer Lokale schnurstracks in den Keller hinabführen - keine gute Wahl für so einen schönen Nachmittag.
Im Licht der untergehenden Sonne (es ist schon 1/2 9) noch ein Spaziergang über den Roten Platz, bereits verlassen von den Besichtigungs-Gruppen und Souvenirhändlern. Ich lege noch eine Reminiszenz beim Hotel "Rossija" ein und überzeuge mich davon, dass der Betten-Gigant nach wie vor ordentlich funktioniert und sich einer lebhaften Nachfrage erfreut. Die Gäste scheinen weniger unter der vielgeschmähten Kasten-Architektur zu leiden als es vielmehr zu schätzen zu wissen, in so exzellenter Lage ein erschwingliches Quartier vorzufinden. Soviel man hört, soll damit bald Schluß sein, denn ein scharf rechnendes Konsortium will an dieser Stelle ein weiteres High-End-Etablissement errichten, mit einem Bruchteil der Gästebetten, dafür für den vielfachen Preis. Good Bye, Rossija! Ich nehme den Trolleybus Nr. 33, der unterhalb des "Rossija" startet und unmittelbar vor dem "Sputnik" hält. Die Eigenart der großzügigen Moskauer Verkehrslenkung und die Tatsache, dass Trolleybusse immer nur rechts abbiegen können (da die Träger der Oberleitung entlang des rechten Fahrbahnrands moniert sind) und daher u.U. große Schleifen fahren müssen, machen aus der Fahrt eine lange und wunderbare Sightseeing-Tour "Moscow by night", entlang der Moskwa und mehrmals an den angestrahlten Türmen des Kreml vorbei, aber auch bei Christ dem Erlöser und Peter dem Großen. |
||||||||||||||