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Donnerstag 22.04.
Frühstücken in einem Festsaal - kann man erhebender in einen Tag starten? An der Fensterfront, bis oben verglast, fließen riesige rot-weiß gestreifte Vorhänge herunter, fröhliche Dekorationen zieren die anderen Wände. Weit oben hängt eine Spiegelkugel, und aus der Waffeldecke zucken Halogen-Blitze auf. An der Stirnseite des Saals ein Podium, so groß, daß darauf das Russische Nationalballett gastieren könnte. Vor dem Podium, quasi als Hauptaltar, ist das Warmbüffet platziert, hinter dem ein kleiner Wicht mit umso größerer Kochmütze Spiegeleier, Pommes, hautlose Wüstchen und Kascha (vergleichbar mit Porredge) austeilt. Andere Buffets bieten kalte Platten, Rohkostsalate, Cerials, Kefir und Quarkspeise, Windbeutel und Tortenstückchen. Das Frühstück im Sputnik wird mich weit in den Tag hinein von einer Suche nach weiteren Essensangeboten entbinden. Das Publikum locker in der Weite des Raums verteilt, fast ausschließlich Nationals verschiedensten Alters, Outfits und vermutlich auch Reisezwecks. Ein rüstiger Rentner tritt im Trainingsanzug des Postsportvereins Sevastopol an, andere in knapp geschnittenen dunklen Anzügen. Diese dürften wohl Geschäftsreisende sein, obwohl sie eher aussehen wie Eishockey-Trainer. Peter Kolumbus und die russische Kunst Ich beginne meine Moskau-Erkundungen mit dem "Stadtspaziergang Nr.1" aus Marco Polos City-Guide. Dieser führt, ausgehend von der Moskwa-Insel südlich des Kreml, größtenteils am südlichen Flußufer entlang und schließt optionale Besuche der Tretjakow-Galerie sowie der Neuen Tretjakow-Galerie für Russische Avantgarde ein. Auf dem Weg kann man auch eine der bedeutendsten Neuerungen des Moskauer Stadtbilds in Augenschein nehmen, für die in aller Regel ein gewisser Surab Zereteli die Verantwortung trägt. Sein Kolossal-Monument für Peter den Großen, ein aus einem Berg von barockem Sperrmüll aufragendes Ungetüm, soll sogar einige zum Nachdenken über die neue Freiheit der Kunst veranlasst haben. Zereteli hatte denselben "Peter den Großen" vorher der Stadt New York als "Christoph Kolombus" angetragen. Als diese ihn nicht mal geschenkt haben wollte, müssen nun die Moskauer mit ihm leben. Und das nicht nur hier - Zeretelis 450-Mann starke Kunst-Baubrigade - von seinem Gönner, dem Bürgermeister Luschkow quasi mit einer Blanko-Vollmacht ausgestattet - hat das historische Moskau an jeder zweiten Ecke in die Mangel genommen.
Im Vergleich zu Peter Kolumbus, bzw. Christoph dem Grossen, ist der "Skulpturenpark" diesseits des Flusses eine geradezu nachahmenswerte Einrichtung. Hier hat man Werke, die man irgendwann mal aufgekauft hat, für die man jedoch keine anderweitige Verwendung gefunden hat, platzsparend zusammengestellt, und kann sogar noch ein wenig Eintrittsgeld dafür erlösen (Es gelingt mir, an der Kasse als Russe durchzugehen, weshalb ich nur ein Fünftel des Ausländer-Eintritts entrichten muß). In einer Ecke hat man ein Endlager für die andernorts demontierten Denkmäler von Sowjet-Größen eingerichtet. Geheimdienst-Gründer Dzershinskij hat unter ihnen noch den größten Sockel - andere sind dagegen bis zum Rumpf ins Gras gerammt, so dass der Besucher nun auf sie herabblicken kann. Im Gegensatz zu den nicht-politischen Werken sah man sich bemüßigt, diese mit einem schriftlichen Kommentar zu versehen, der in jedem Fall mit der Feststellung endet, dass es sich bei dem Denkmal um eine Hinterlassenschaft der russischen Kunst handelt. Der Weg endet am "Gorkij-Park für Kultur und Erholung", einer Prateranlage, in den 50er Jahren eingerichtet, um die kleinen Sowjetbürger glücklich zu machen. Es scheint allerdings heute kein großes Bedürfnis nach Kultur und Erholung zu bestehen - das weitflächige Gelände ist größtenteils verödet. Manche Vergnügungsbetriebe werden gerade für die Sommersaison instand gesetzt, andere scheinen für immer stillzustehen. Nur ein paar Bierkioske sind geöffnet.
Nachdem ich einige angerostete Karussellanlagen fotografiert
habe, werde ich von einem schwarzen Sheriff angesprochen, warum
ich hier fotografiere. Das sei verboten. Meint er aber offenbar nicht. Er folgt mir mit einigen Schritten
Abstand. Hinter einer Ecke kommt mir einer seiner Kollegen entgegen,
mehr breit als hoch und gut gepolstert. Er tauscht gerade noch per
Walkie-Talkie die letzten Details seines Einsatzes aus, und stellt
sich mir dann in den Weg, während mich auch der andere wieder einholt. Der Gorkij-Park hat übrigens auch schon in die westliche Pop-Kultur Eingang gefunden. Die deutsche Gruppe "The Scorpions" besang in ihrem Hit "Winds of Change" den Hauch der Freiheit, der sie hier gestreift habe. Daraufhin erhielten sie eine Audienz bei Gorbatschow. In Plastiksäckchen durch Puschkins Haus Ich beschliesse, Marco Polos Stadtspaziergang Nr.2 auch gleich noch zu machen, durchs Arbat-Viertel. Dazwischen liegt ein langer Fußmarsch entlang des Zubowskij Bul'var und des Smolenskij Bul'var, zweier der großen Verkehrsschneisen Moskaus.
Moskaus Metro wird allenthalben gerühmt, nicht nur wegen ihrer prunkvollen Ausgestaltung, sondern auch wegen ihrer verkehrstechnischen Leistungskraft. Die Moskauer Autofahrer hätten jedoch nicht geringeren Anlaß, den sowjetischen Verkehrsstrategen auch für ihre straßenbauerischen Vermächtnisse zutiefst dankbar zu sein. In der Erwartung, den Westen irgendwann auch in punkto Kfz-Verkehr ein- und überholen zu können, hat man vorsorglich Highways durch die Stadt geschlagen, deren Breite den Verkehrsplanern bis zur Erschöpfung der Erdölvorräte jegliche weiteren Probleme zu ersparen versprach. Ich zähle, soweit mein Blick vom Randstein aus reicht, 16 Fahrspuren, die Standspuren nicht eingerechnet. Und da die Kfz-Dichte auch in der postsowjetischen Ära noch weit von den Träumen der sowjetischen Ära entfernt ist, bedeutet das: Freie Fahrt für freie Bürger! Es ist vollkommen normal, auf den weiten Distanzen zwischen den Kreuzungen mit 100 km/h durch die Innenstadt zu heizen. Den Fußgängern hilft derweil Gott - oder eine sportliche Kondition: wahlweise in Form von Sprinter-Qualitäten für eine Fahrbahnüberquerung oder von Langstrecken-Eignung für den Weg zur nächstgelegenen Fußgänger-Unterführung.
Die alte Arbat-Straße, in den 80ern als erste Fußgängerzone Moskaus eingerichtet, wurde schnell zur beliebtesten Flaniermeile der heimischen Szene und ausländischer Touristen. Heute beklagt man eine gewisse Überkommerzialisierung, aber in Moskau ist eine Fußgängerstraße in jedem Fall eine Wohltat, da mögen noch so viele Matrjoschkas und andere Rußland-Souvenirs darauf herumstehen. Ich kehre im Puschkin-Haus ein, nicht nur in Erwartung einer Toilette, sondern auch als Reverenz an den großen Dichter, dessen Werk ich immerhin meine Examensarbeit verdanke, sowie meine erste - und bisher auch letzte - literaturwissenschaftliche Veröffentlichung. Das ist lange her - Puschkin war damals auch einem breiteren deutschen Publikum ein Begriff, nachdem der Poet einer knallroten Cocktail-Kirsche seinen Namen geliehen hatte. An der Garderobe muß man sich nicht nur, wie üblich, aller abnehmbarer Accessoires entledigen, sondern bekommt auch - zum Wohle des kulturträchtigen Parketts - Plastik-Säckchen über die Schuhe gestülpt, in der Art von Duschhauben, die man etwas in die Länge gezogen hat. Ich bin der einzige Besucher, aber nicht allein. Entlang des festgelegten Besichtigungsparcours, der mir freundlich, aber bestimmt gewiesen wird, erwarten mich der Reihe nach ca. acht ältere Damen. Jede hat zwei Räume zu beaufsichtigen und läßt mich, mir jeweils von Raum 1 in Raum 2 folgend, keine Sekunde aus den Augen, obwohl fast alle Ausstellungsstücke, überwiegend alte Schriftstücke und Moskau-Stiche, fest hinter Glas an die Wand gedübelt sind. Es herrscht absolute Stille, die dadurch noch verstärkt wird, dass sich die Damen gelegentlich über die Grenzen ihrer Territorien hinweg etwas zuflüstern. Einmal läßt eine auch ein Gähnen vernehmen. Guter Nachbar Gastronom Der Weg führt noch an den Häusern anderer großer Literaten vorbei, wie dem M.Lermontows, und endet bei der Jugendstilvilla M.Gorkijs. Das Grau des Himmels verdichtet sich immer mehr, und es setzt ein leichter Nieselregen ein. Ich kehre in die Arbatstraße zurück, um dort einzukehren. Die Wahl fällt auf das "Promenad", ein mit modernem Raumdesign durchgestaltetes Cafe mit leichter Eisdielen-Atmosphäre. Die Serviererinnen tragen orangene T-Shirts, und ich esse eine Borschtsch und Pel'meni. Als ich nach längerer Aufwärm-Phase wieder auf die Arbat hinausgehe, ist es noch naßkälter geworden, und die Matrjoschka-Verkäuferinnen, dick eingepackt und mit immer röter werdenden Backen, werden ihren Exponaten immer ähnlicher. Ich fahre ins Hotel zurück. Auf dem Weg dorthin entdecke ich einen "Gastronom"-Laden, der durchgehend geöffnet ist. Er ist munter besucht von gutgelaunten Leuten aus der Umgebung, die sich dort mit Trinkbarem für den Abend eindecken. Denen schliesse ich mich gerne an und entziehe mich dadurch dem achtmal so teuren, dafür etwas ermatteten Bier der Hotel-Cafeteria. Nach einer Lese- und Schreibphase bin ich mir über die Gestaltung des restlichen Abends nicht recht schlüssig. Einerseits lockt mich eine erneute Metro-Fahrt ins Zentrum nicht unbedingt, andererseits habe ich in der Umgebung des Hotels noch keine Kneipe ausgemacht - und die Pizzeria "Amor" ist auch nicht unbedingt das, wofür ich nach Moskau gekommen bin. Ich mache mich zu einem Verlegenheits-Spaziergang auf, diesmal in stadtauswärtiger Richtung. Zur Not läßt sich ja aus dem Angebot des hochwillkommenen "Gastronom" ein kleiner Imbiß zusammenstellen. Doch nur wenige Schritte weiter stehe ich vor einem hell erleuchteten Niedrigbau in Fertigbauweise, an das Restaurant eines Campingplatzes erinnernd, besetzt mit Gruppen nicht besonders herausgeputzter, aber fröhlich plaudernder Leute - eine ganz normale, ganz zivile Stadtteil-Kneipe! Unter den Abbildungen der Speisen, die in Leuchtkästen über der Theke montiert sind, trifft meine Wahl auf zigarrenförmige, frittierte Stäbchen, die sich als Snack zum Bier vielleicht gut machen könnten, und die "Ljamy" heissen. Ich lasse mich nieder, alles klappt perfekt, und nach nur wenige Minuten steht alles Gewünschte auf dem Tisch. Als ich den Teller näher betrachte, dämmert mir allmählich eine gewisse Ähnlichkeit mit Frühlingsrollen. Und jetzt fällt mir auch auf, dass das Essen von einer Asiatin serviert wurde. Ich blicke zur Theke - auch dort steht ein Asiate dahinter, und gleich tauchen auch noch zwei, drei weitere hinter ihm auf... Ja, die Chinesen - auf die ist doch auf der ganzen Welt Verlaß! |
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