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Im Frühling in München aufgebrochen, scheint die Reise nach Moskau zurück in den Winter zu führen. Das Flugzeug senkt sich über endlosen Wäldern gänzlich kahler Bäume. die eine graubraun-melierte Fläche bilden. Darüber liegt eine silberne Patina, das kann aber auch von den milchigen Flugzeugfenstern herrühren. Wie wird's sein? Ich komme zum fünften Mal nach Moskau, das letzte Mal liegt allerding schon elf Jahre zurück und war nur ein Tag beruflichen Aufenthalts. Das Wenige, was ich damals aufgenommen habe, hat mein Verlangen nach weiteren Rußland-Reisen bis auf weiteres gedämpft: Alte Frauen verkaufen auf der Straße ihre vorletzten Stiefel oder zwei Flaschen Bier - Elendsbilder hatten in der vormaligen Sowjetunion Einzug gehalten. Jedoch brachte mich mein Meilenguthaben bei der Swiss, das zu verfallen drohte, auf die Idee, wieder mal Moskau zu buchen und nachzusehen, wie es inzwischen weitergegangen ist. Ganz unverbindlich und ohne die Gefahr zu hoch angesetzter Erwartungen. Der Flughafen Domodedovo, der neuerdings auch für internationale Verbindungen eingesetzt wird, macht, soweit man das von Flughäfen überhaupt sagen kann, auf den Neuankömmling einen angenehmen Eindruck: ganz neu renoviert, funktional und überschaubar - fast geruhsam. In der Halle einige der zu erwartenden Taxi-Schlepper, denen man aber getrost die kalte Schulter zeigen kann, da der Transport in Richtung Innenstadt recht clever organisiert ist. Es stehen Minibusse bereit, die nach dem Sammeltaxi-Prinzip zum ausgeschriebenen Einheitspreis von ca. 1,50 € p.P. die 25 km zur nächstgelegenen Metro-Station zurücklegen, ebenfalls mit Namen Domodedovskaja. Die scheinen allerdings bei den internationalen Passagieren noch nicht den verdienten Anklang zu finden, so dass ich mich von Anfang an in rein inländischer Umgebung befinde. In die Umlaufbahn: Minibus, Metro, Sputnik Die elf Sitze im Fond des Minibus sind zwecks optimaler Raumausnutzung kreuz und quer montiert, so dass jeder Passagier die Aussicht in eine andere Richtung hat und seinen Nächsten mit einem jeweils anderen Körperteil berührt. Über einem der Fenster hat man aus Sicherheitsgründen einen Aufkleber mit der Aufschrift "Notausgang" angebracht. Am Metro-Bahnhof erwarten mich die ersten Eindrücke urbanen Lebens - wie zu erwarten, nicht unbedingt die attraktivsten. Der größten Kundendichte folgend, ist in Moskau der Kleinhandel ganz massiv auf die Metro-Stationen konzentriert und zeichnet sich folgerichtig durch ein Angebot aus, für das der Kunde niemals den Weg zu einem bestimmen Laden auf sich nehmen würde. Also Kioske mit einem Sortiment von jeweils ca. 100 Artikeln, vorwiegend Lebensmittel, Alkohol und Rauchwaren, aber auch aus anderen Bereichen des täglichen Bedarfs. Dazwischen mal eine Bude mit Spielautomaten und auch einige Gestalten, die gerade nicht Besonderes vorzuhaben scheinen. Es ist sicher geraten, ab hier die üblichen Sicherheitsmaßnahmen walten zu lassen, wenn man mit Gepäck unterwegs ist. Aber gleich verflüchtigen sich die "üblichen Verdächtigen" wieder, in einem endlosen Strom von Hausfrauen und Werktätigen, Schülern und Studenten, Omas und Opas, mit denen zusammen man von den Rolltreppen der Metro in die Tiefe gebaggert wird. Hier unten ist garantiert alles wie eh und je, monumental und fast beängstigend perfekt funktionierend, wie die Verwirklichung der 20er Jahre-Fiktion "Metropolis", die selben Schilder, die selben Züge, der selbe Geruch. Nur dass man heutzutage an jeder Station per Lautsprecher aufgefordert wird, nichts im Zug zurückzulassen - sicher weniger aus Besorgnis über die Habseligkeiten der Fahrgäste als über die Gefahr herrenloser explosiver Fracht. Von der Station "Leninskij Prospekt" zu meinem Ziel, dem Hotel "Sputnik", sollen es etwa 15 Gehminuten sein - nur, in welcher Richtung? Gerade dem verschlungenen Labyrinth der unterirdischen Kanäle entstiegen, fehlt jegliche Orientierung. Und der zunächst zu passierende Gagarin-Platz ist etwa so groß wie ein Fußballfeld, jedoch nicht überquerbar, weil sich hier mehrere vielspurige Kfz-Trassen über- und untereinander verschlingen und unüberwindbare Barrieren aufrichten, so dass überhaupt nicht absehbar ist, wo man rauskommt, wenn man eine bestimmte Richtung einschlägt. Somit verliere ich die 15 Minuten, die der Weg zum Hotel beanspruchen soll, schon auf der (im Nachhinein gesehen völlig unnötigen) Umrundung des Platzes, trotz einiger irregulärer Abkürzungen über die Fahrspuren hinweg. Das "Sputnik", in den 70ern gebaut, soll lt. Lonely Planet Guide ein "Fegfeuer auf Erden für jeden Architekten" sein. Mich hingegen, der ich kein Architekt bin, überkommen Gefühle fast gerührten Angedenkens an frühere Reisen in dieses Land, als ich mich dem markanten Übernachtungs-Monolithen nähere. Drinnen hat man inzwischen behutsam aufgefrischt, zumindest im Eingangsbereich. Mein Zimmer der Kategorie "Standard" hingegen scheint der Erhaltung im Originalzustand für wert befunden worden zu sein, in dezenter Farbstellung mit einem braun-beigen, an den Boden genagelten Teppich und einer Wandtapete mit anthrazit-silbernem Federmuster des Dekors "Ruhe sanft". Auch die trüben Fensterscheiben dämpfen das hereinfallende Tageslicht in augenschonender Weise.
Hier sehe ich sie wieder - bemerkenswerte, aber im Westen niemals anerkannte Errungenschaften der Einrichtungstechnik wie die Waschbecken-Garnitur, die gleichzeitig als Dusch-Garnitur dient: halber Produktionsaufwand, halber Wartungsaufwand, halber Reinigungsaufwand. Wieviele Stunden für Muße und kulturelle Entwicklung mögen auf diese Weise freigesetzt worden sein, wenn man alle diese Wasserhähne zusammennimmt? Allerdings muß man es sich auch zur Gewohnheit machen, den Umlenkhebel nach Beendigung des Duschvorgangs wieder in die Waschbecken-Position zurückzustellen. Am dritten Morgen soll es mir erstmalig gelingen, mir nach dem Frühstück die Hände zu waschen, ohne zunächst eine zweite Dusche zu erhalten. Da bei dieser das Wasser erst durch die Kleidung dringen muß, merkt man den Irrtum auch immer erst mit leichter Verzögerung. Steh-Bier und Hosenknöpfe Ich mache mich nochmal auf, um die nähere Umgebung zu erkunden und mich, wenn möglich, irgendwo niederzulassen. Dabei finde ich heraus, daß der kürzeste Weg zur Metro durch das Hinterhofgelände einer Wohnanlage führt, und sich die Distanz, verglichen mit meinem ersten Versuch, dadurch um die Hälfte reduzieren läßt. Die Suche nach irgendeiner Art von Restaurationsbetrieb führt zunächst mal zu einer langen Reihe von kleinen Kurzwaren-Läden, sodann zu einer ebensogroßen Ansammlungvon Bier-Kiosken, die eine Unmenge von einheimischen und importierten Bieren im Angebot haben. Man scheint in diesem Viertel sehr viel zu nähen, und dabei sehr viel Bier zu trinken.
Die Pizzeria "Amor" ist noch nicht geöffnet, und eine andere Einrichtung mit Sitzplätzen ist nicht zu finden. Dafür stehen eine Menge von Leuten, mit Bierflaschen in der Hand, auf der Straße herum. Auch die vielgelobte russische Imißkultur mit Blini, Piroschki und Kartoschki will sich nicht zu erkennen geben. Einen Ausweg bietet ein Orientale, der "Schaurma" verkauft, dünne, knüppelförmig gerollte Teiglappen mit einer Hackfleischfüllung. Damit, und mit einer Flasche "Baltijskoe No.3" (die vielen Biersorten jedes Herstellers sind übersichtlich durchnumeriert) lasse ich mich auf der anderen Straßenseite nieder, auf dem Begrenzungs-Mäuerchen einer verkahlten Grünanlage, und geniesse die ersten kulinarischen Eindrücke. Wieder zurück im Hotel, falle ich aufs Bett, weil ich schon um 4:45 aufgestanden war, was sich erwartungsgemäß als schwere Sünde gegen meinen Biorythmus erweist. Ich hindere mich am Einschlafen, da ich mir vorgenommen hatte, noch was zu trinken. In der Cafeteria neben der Lobby gibt es dunkles tschechisches Bier, etwas abgestanden, das Glas für ca. 3.50 €. Während ich das trinke, kommen der Reihe nach sämtliche Stühle meines Tischs abhanden - außer dem, auf dem ich selbst sitze: genommen von den ca. acht professionellen Mädels des Hotels, die am Nachbartisch ihr Basislager aufgeschlagen haben. Sie sind allesamt ziemlich jung, sehr von sich überzeugt, und geizen keineswegs mit ihren Reizen. Alle zehn Minuten machen sich zwei von ihnen handtäschchen-schlenkernd auf die Runde, und kommen dann nach weiteren zehn Minuten wieder zurück. Als ich auf mein Zimmer gehe, haben sich drei auf dem langen Sofa der Lobby niedergelassen, neben zweien der schwarzhäutigenen Schwerathleten in Baseball-Kluft, die schon seit Nachmittag in der Lobby herumlungern. Eines der Mädchen zupft bewundernd an dem baumstamm-starken Oberschenkel des dunklen Hünen herum. Der scheint aber ganz desinteressiert (vielleicht spürt er's gar nicht?) und reißt, sich mit auf die Decke gerichteten Augen auf dem Sofa flezend, lauthals Witze mit seinem Kumpel.
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