31.10. Udomxai - Pakbeng

Nach Pakbeng fährt ein Songthaew. Hintendrauf außer uns nur einheimische Männer; im letzten Au-genblick klemmt sich ein kleiner Wicht zwischen uns auf die Ladeklappe und sitzt beiden von uns halb auf dem Schoß. Bald fängt einer, der in der Mitte sitzt, an das Wort zu führen. Er holt eine grüne Aktenmappe hervor und legt ein paar alte Münzen drauf, mit Loch in der Mitte. Interessant, in Laos gibt's ja gar keine Münzen mehr, was die wohl wert sind? Jeder faßt sie mal an und taxiert sie. Er hat auch noch einen kleinen Dosendeckel dabei, und fängt an, scheinbar aus Tändelei, Münzen aus einer Hand auf die Mappe fallen zu lassen und mit der anderen Hand schnell den Deckel drüber-zustülpen. Eins-zwei-drei - na, wer weiß, wieviele Münzen drunter sind? Kleines Ratespiel zum Zeit-vertreib, die Fahrt ist ja lang. Und wenn man genau aufpaßt, hat man gute Chancen, richtig zu raten. Da könnte man doch ein ein bisschen was drauf wetten? Der neben ihm sitzt, etwas tuntig aussehend mit extra langen Fingernägeln, steigt drauf ein und legt ein paar Scheine auf die Mappe. Zwei? Drei! Verloren. Bonvivant, der er ist, läßt er es sich nicht verdrießen. Er bietet nochmal - diesmal die mehrfache Summe. Wieder zwei? Genau! Gewonnen! Der Tuntige streicht grinsend ein Bündel ein, hat nicht nur seinen Verlust wettgemacht, sondern dem Spielmacher noch ganz schön was abgeknöpft.

Der kleine Wicht, der bisher ganz still war, ist jetzt wie elektrisiert, scheint fasziniert von der Vorstellung, so leicht viel Geld gewinnen zu können. Er kramt in der Tasche, holt ein noch dickeres Bündel hervor und legt es auf die Mappe. Er gibt seine Wette ab. Wirklich?? Der Spielmacher hebt den Deckel hoch und blickt etwas mitleidig: Verloren! Der Wicht ist entsetzt. Er versucht einen Einspruch, der aber keine Chance hat und eigentlich nur zur Selbstrechtfertigung taugt. Er hadert. Hat viel verloren, ist der Verlierer.

Die andern haben die Spielertragödie gespannt verfolgt. Alle scheinen momentan etwas gedämpft, auch der Spielmacher nimmt sich zurück. Irgendwie scheint auch ihm der kleine Verlierer ein bisschen leidzutun.

Nach ein paar Minuten fängt er wieder an, mit den Münzen zu schnippen. Will einer nochmal? Will vielleicht sogar der Verlierer noch ein Chance? Er schnippt drei Münzen auf die Mappe und tut schnell den Deckel drauf. Diesmal hat's der Verlierer aber genau gesehen. Wird ganz wild, hält eine Hand auf den Deckel und macht mit der andern seine Tasche wieder auf. Drei sind's! Ein dickes Bündel kommt hervor, noch eins. Er kramt weiter, jetzt will er's wissen. Zwischendurch, während der Verlierer gerade den Kopf in seiner Tasche hat, lüpft der Spielmacher kurz den Deckel, so dass die andern sehen können, wieviele drunter sind: Zwei!! Will vielleicht einer gegen den Verlierer einsteigen? Die Chance lassen sich die andern doch nicht nehmen. Zwar tut er ihnen leid, aber wenn er's nicht anders will... Nach und nach wird von allen Seiten Geld auf die Tasche gelegt.

Der Verlierer wirkt wie durchgedreht. Immer neue Bündel kommen zum Vorschein, immer höhere Scheine. Erst Kip, dann Baht: 100er, 500er, 1000er. Das ist viel Geld, ein Schein fast 50 Mark - wo hat der nur das ganze Geld her? Er drängt es den andern auf. Der neben mir steigt auch mit ein, ist so aufgeregt, dass er vor Zittern das Vorhängeschloß seiner Reisetasche nicht aufkriegt. Noch jemand? Noch ein Bündel. Niemand mehr? Niemand mehr? Wir schaukeln in einer Spielhölle durch den Dschungel.

Der Verlierer greift fiebernd nach dem Deckel und schnelzt ihn in hohem Bogen hoch. Drei sind's. Der Verlierer gewinnt alles! Ohne zu zögern drückt ihm der Spielmacher alle Bündel in die Hand. Sofort verschwinden sie in seiner Tasche, und er läßt unverzüglich anhalten. Auf offener Strecke steigt er ab und geht wortlos in der Gegenrichtung davon.

Die andern sind konsterniert. Nur der Spiemacher ist ganz cool, weist offensichtliche Verdächtigungen, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugegangen wäre, souverän zurück. In einem kleinen Dorf nach 2 km steigt plötzlich auch er aus und verschwindet mit seiner Mappe zwischen zwei Bambushütten. Und so auch der Tuntige, der am allerwenigsten in dieser Gegend zuhause zu sein scheint.

Die Zurückgebliebenen schauen ihnen nach. Die Mutti, die vorn im Führerhaus mitfährt, steigt kurz aus, steckt ihren Kopf rein und schimpft ein bisschen. Wahrscheinlich sagt sie, warum Männer nur so blöd sind. Darauf hat keiner eine Antwort. Wir fahren weiter, und es dauert eine Zeit, bis unsere Mitfahrer wieder Worte finden, versuchen, sich die Dinge zusammenzureimen. Ein junger mit hellen Augen redet jetzt am lautesten und deutet abwechselnd auf die verschiedenen Plätze der Ausgestiegenen. Vor allem deuten sie immer wieder auf die grüne Mappe, obwohl auch die schon längst ausgestiegen ist. Schade, dass man immer erst hinterher klüger ist.

Es ist richtig schönes Wetter. Dörfliche Idylle zieht vorbei. Alle Kinder spielen. Alle Frauen waschen oder waschen sich. Alle Männer sitzen rum. Auch hier scheinen sie Sonntag zu haben.

Die Straße ist verheerend. 1969 von den Chinesen gebaut, wurde sie seit dem Bruch mit China wegen Vietnam Mitte der 70er ihrem Schicksal überlassen. Wir kommen ca. 15 Uhr an, nach ca. ½ stündiger Mittagspause (wieder eine Stunde länger), in geschleudertem Zustand. Auf einem Songthaew, ohne Stütze für den Rücken, ist das wie 6 Stunden Rodeo.

Wir sind wieder am Mekong! Wir hätten auch in einem Tag von Huay Xai auf dem Boot hierherfahren können. Aber so haben wir die Straßen von Nordlaos kennengelernt. Wir sind froh, dass wir sie jetzt kennen. Nächsten Tag geht's auf dem Fluß weiter - der einzigen Straße ohne Schlaglöcher.

Glücklich Quartier gemacht

Guesthouses alle basic. Wir bleiben im Phantavong (8.000 k), Holzkabine mit zwei Pritschen, vom Gang halsbrecherische Leiter hinunter zu den Nasszellen auf dem Hof. Als wir vom Abendessen zurückkommen, empfängt uns der Chef in Unterhose, mit einer Kerze in der Hand. Das ist "familiäre Atmosphäre".