25.10. Chiang Khong - Huay Xai

Es klappt auch: kurz nach 6, es wird gerade hell, breche ich zu einem ersten Spaziergang auf, mit Kamera, und vor allem - was ich mir diesmal besonders zu Herzen nehmen wollte - mit Stativ. Ich sollte es bitter bereuen, denn gleich darauf traf mich ein schwerer Schlag. Was zu meinem ständien Begleiter werden sollte - ein abnehmbares Stativbein, zum Einbeinstativ kombinierbar - sehe ich zu meinem ohnmächtigen Entsetzen sang- und klanglos in einer Gully-Ritze verschwinden. Ich hatte es beim Hantieren unter die Achsel geklemmt und einen Augenblick lang nicht mehr daran gedacht. Auch bei 100maligem Versuch hätte ich niemals dort hineingetroffen, in einen Spalt, kaum breiter und länger als das Stativbein selbst. Hilflose Blicke, immer wieder in das Loch, wo das edle Teil aus ca. 50 cm Entfernung aus dem Dunkel herausschimmert, und auf die menschenleere Straße.

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Der Spalt

 

In ganz Asien verschwinden täglich ganze Menschen in den weit geöffneten Schlünden geborstener Kanalabdeckungen, aber hier, in Chiang Khong, hat man sich soeben eine nagelneue, bombenfest betonierte Drainage zugelegt, in deren Ritzen nicht mal ein rachitischer Kinderarm zu greifen in der Lage wäre!
 Ich lasse ab. Vorbei ist's mit den guten Vorsätzen. Das ganze Stativ ist jetzt nutzlos, denn drei Beine sind ein Stativ, ein Bein ist wenigstens ein Einbeinstativ, aber zwei Beine sind gar nichts. Nach dem Frühstück ein Gang in die Stadt. Vergeblicher Versuch, vor der Überfahrt nach Laos noch etwas mehr Geld einzupacken - die Banken sind zu. Der Apotheker bedeutet mit Verweis auf ein rotgedrucktes Kalenderdatum, dass heute Feiertag ist. Allerdings gilt der scheinbar nur für die Banken, denn alles andere ist normal geöffnet. Und auch für den Geldautomaten, der fortwährend "Kommunikationsstörungen" meldet.
 

Mein Stativ läßt mir keine Ruhe. Wirklich aufgeben, wo es doch noch ein paar Stunden sind, bis das Visum am Essstand eintrifft? Eine Belohnung für die Kinder ausrufen, ein Wettangeln organisieren? Mit dem Mut der Verzweiflung klage ich der Wirtin und deren Tochter mein Leid - in meinem armseligen Thai, das meiner traurigen Botschaft den passenden Ton gibt. Beides rührt sie so sehr, dass sie sofort den Sohn nebst Brechstange mit mir losschicken. Die Brechstange ist natürlich nutzlos, denn der gute Knabe hebt beim Versuch, die Betonplatte auszuhebeln, sofort vom Boden ab und schwebt mir entgegen. Einige Leute werden jedoch durch diese Luftnummer auf uns aufmerksam. Und es soll sich als großes Glück erweisen, dass das Rohr gerade hier in die Ritze geplumpst war: ganz in der Nähe steht nämlich der genialste Mann von Chiang Khong.

Dieser ließ sich vom Laden nebenan eine Jalousie-Zugstange geben, band von einem gegenüber stehenden Thuk-Thuk eine Schnur los und schickte die Kinder weg, um Gummis zu besorgen. Drei einfache Dinge, die die Quadratur des Kreises schaffen: einen Köder, der sowohl die zum Greifen benötigte Festigkeit aufweist als auch die zum Festhalten benötigte Beweglichkeit.

Der Mann bildet mit der Schnur eine Schlinge, die er genau an dem Ring der Jalousienstange entlangführt und am inneren Ende, mit dem Knoten, fest mit ihr verbindet. Da er die Schlinge um den Ring herum jedoch mit Gummis befestigt, kann sie sich von ihrer starren Führung lösen und durch Zuziehen schließen. Genial - aber ob's funktioniert?

Er gibt dem Hotel-Sohn das Ende der Schnur in die Hand und beginnt mit der Stange im Untergrund zu stochern. Ich kann's nicht glauben und denke: gut gemeint, aber keine Chance! Auch dann noch, als das Stativbein schon bis an den Spalt heraufkommt, aber dann wieder entgleitet, wieder wegrollt, so dass es erst wieder umständlich in Position gestochert werden muß.

Nach einigen weiteren Versuchen aber hat er's tatsächlich geschafft! Glücklich, aber auch etwas verlegen, drücke ich dem Mann 100 B in die Hand - mehr habe ich gerade nicht. Ein Betrag, für eine Gefälligkeit ganz in Ordnung, aber für etwas, was man selbst nicht zustandegebracht hätte, eine Rettung also?! Jedoch hat Erfindungsreichtum bekanntlich noch selten jemanden wirklich reich gemacht. Und auch das weiß er offenbar, denn er will mir sogar noch herausgeben!

11:00: Die Visumbeschafferin ist noch nicht aufgetaucht; am Essstand steht eine andere. Zur Über-brückung gibt's nochmal Chicken Curry im Tam-Mi-La Guesthouse, wunderschöner Garten am Fluß, wohl die erste Wahl fürs nächste Mal. Um 12:10 ist sie da, aber ohne Visum. Es funktioniert offenbar anders als gedacht: warum wir noch nicht reisefertig seien? Wir sollten schleunigst mit Gepäck wiederkommen, ihr Bruder würde dann den Rest erledigen.

Als wir gerade bepackt das Resort verlassen wollen, fahren sie und ihr Bruder auf zwei Motorrädern vor. Wir mit allem Zeug hinten drauf, im Mixed Double geht's erstmal ins chinesische Hotel, wo die Einreisepapiere ausgefüllt und 96 USD auf den Tisch gelegt werden. Weiter zum Pier, und der Bruder begleitet uns über den Fluß. An der Grenzstation erledigt er alle Formalitäten für uns, und wir bekommen das Visum in die Pässe gestempelt; als Unterlage dazu dienen dem Grenzer die Paßkopien, die inzwischen, mit einem positiven Vermerk versehen, von der Laotischen Einreisebehörde an unsere Vermittler zurückgefaxt worden waren.

Große Begrüßung in Laos

Dann sind wir in Laos - im stillen Laos? Nein, mitten in einem Riesentrubel, in dem es kaum ein Vorwärtskommen gibt. Die halbe Provinz drängt sich an den wenigen freien Stellen am Flußufer, um die Finales der heutigen Ruderwettbewerbe zu verfolgen.

Es ist Vollmond des 12.Mondes - Het Bun Dai Bun, "Tue Gutes, und es wird dir Gutes getan", oder eher: Wer Gutes tut, soll es sich ruhig mal gutgehen lassen. Ein Riesenfest, das in Vientiane mit der großen That Luang-Feier begangen wird. Alles ist unterwegs, jeder verkauft was, jeder kauft was, jeder isst Gegrilltes - alles was an einem Huhn dran ist, vor allem Hühnerfüße - wieviele Füße haben die Hühner hier eigentlich? Wir fallen gleich ins Hotel Thavensinh, ziemlich neu, nach vorne pompöse Fassade in Asien-Barock, Zimmer ziemlich klein, aber o.k. (200 B), dafür kann man sich auf die offene Galerie im 1.Stock setzen und das Getümmel drunter betrachten. Kleiner Rundgang durch den Rummel, zum ventilatorgetriebenen Kinderkarussel und Karaoke für jedermann.

Am Abend werden Kerzen und Lampions angezündet und kleine Feuerwerke von maximal 6m Flughöhe abgebrannt. Zuletzt ziehen die siegreichen Rudermannschaften, ihre langen Boote geschultert, unter unablässigem Jubel durch den Ort. Es ist vorwiegend ihr eigener. Das Publikum ist größtenteils schon schlafen, müde vom Feiern, vom Karusselfahren, vom Knabbern an den Hühnerfüßen und von dem vielen Beerlao.


 Das ventilatorgetriebene Karussel