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Sidaw Yai ist kein Zootier, sondern hat ein, wie man bei unserer Spezies sagen würde, "erfülltes" Vorleben. Bevor er im Thai Elephant Conservation Center seinen Vorruhestand angetreten hat, hat er jahrzehntelang in den Dschungeln Thailands Schwerstarbeit verrichtet: Baumstämme durch steiles, unwegsames Gelände zum nächsten Fluss gezogen und geschleppt, auf dem sie dann hinabtrieben, um von der nächsten Verladestation zu den Holzwerken verfrachtet zu werden. 1988 wurde Sidaw Yai jedoch arbeitslos, und mit ihm Hunderte seiner Kollegen - und auch deren Mahouts, die mit den Arbeitselefanten in der Regel zu einer lebenslangen Arbeits- und Schicksalsgemeinschaft verbunden sind: Per Gesetz wurde der Abbau von Primärdschungel untersagt, um die dramatisch dezimierten thailändischen Waldbestände vor der kompletten Ausrottung zu bewahren.
Eine typische Elefanten-Biografie in Thailand, auf die schließlich Einrichtungen wie das Conservation Center eine Antwort zu geben versuchen. Denn nachdem der weit fortgeschrittenen Kahlschlag nicht nur das natürliche Habitat der wilden Elefanten weitgehend zerstört hatte, sondern auch noch deren Artgenossen, die für dieses Werk eingesetzt worden waren, die Existenzgrundlage entzogen war, war der Fortbestand dieser Tierart auf Thailands Boden grundsätzlich in Frage gestellt.
Und nicht nur irgendeiner Tierart! Denn Elefanten haben in Thailand, wie auch in den angrenzenden Ländern, einen schon fast staatstragenden Nimbus, seit der Zeit, als die Militärmacht eines Reichs dieser Region zu einem erheblichen Teil auf der Kampfkraft seiner berittenen Elefantenheere gründete - noch heute werden "weiße" Elefanten qua Geburt Angehörige des Königshauses. Und, im Verbund mit ihrer historischen Idealisierung, erfreuen sie sich auch in der Öffentlichkeit einer enormen Beliebtheit, die heute freilich im Schulunterricht, in der Medien- und Werbewelt mehr Nahrung erhält als im wirklichen Leben: Der weitaus omnipräsenteste "Elefant" Thailands ist die Biermarke dieses Gattungsnamens, das Beer Chaang.
Verständlich, dass das Conservation Center mehr sein will als ein Zoo oder eine Verwahranstalt für nutzlos gewordene Rüsseltiere. Geht es doch darum, nicht nur die Gattung an sich, sondern auch etwas von dem hinüberzuretten, womit sie sich um die Thai-Gesellschaft "verdient" gemacht haben. Arbeitsbeschaffungs-Maßnahmen standen also an, und am besten natürlich solche, mit denen das Center auch Einnahmen erwirtschaften kann. Deren erste und bis heute wichtigste ist die Vorführung der Fähigkeiten, die die Arbeitselefanten heute außerhalb ihres Refugiums nicht mehr betätigen dürfen. Wer rastet, der rostet - also treten die Arbeitstiere dreimal täglich an, um in Elephant Shows Baumstämme zu schleppen und kunstvoll zu stapeln, die scheinbar symbiotische Zusammenarbeit mit ihrem Mahout zu demonstrieren und - kleines Zugeständnis an den Show-Effekt der Veranstaltung - auch zu malen und zu musizieren. Zur Begeisterung des Publikums, bunt gemischt aus thailändischen Familien und Schulklassen sowie ausländischen Tourgruppen. Und nach der Veranstaltung stehen schon die Kolleg/Innen von der Transport-Abteilung bereit, um die Besucher auf ihrem Rücken durch den angrenzenden Wald zu tragen - und diese dabei bis auf die Knochen spüren zu lassen, dass in der guten alten Elefanten-Zeit nicht nur die Reisegeschwindigkeit, sondern auch der Sitzkomfort moderner Transportmittel eine ungedachte Utopie gewesen sein muss. Bei dem nunmehr schon seit 13 Jahren anhaltenden Publikumsinteresse - sollte es da nicht die Nachfrage geben, näher mit diesem faszinierend mächtigen und zugleich hoch sensiblen Tier in Kontakt zu kommen, etwas von dem Jahrhunderte alten Geheimnis des Verständnisses zwischen ihm und dem Menschen zu erheischen? Die Idee, Schnupperkurse im Elefanten-Reiten anzubieten, scheint sehr gut anzukommen. Durchschnittlich ca. 50 Teilnehmer, so berichtet Pat, finden sich monatlich zu den Lehrgängen ein, die flexibel von einem Tag bis zu vier Wochen gebucht werden können. Allem Anschein nach ausnahmslos Ausländer/Innen - die Thai scheinen es doch vorzuziehen, ihre grauen Lieblinge von der Besucherbank aus zu bewundern, den Mahout Mahout sein zu lassen und diese Mixtur aus Aktivurlaub und landes- und naturkundlichen Bemühungen erst mal die stets nach neuen Freizeit-Konzepten heischenden "Langnasen" ausprobieren zu lassen. Und so ist es auch diesmal, wenn Kathrina aus Kanada, Evelyne aus der Schweiz, Claire aus England, Brian aus Irland und Christoph aus Deutschland beim ersten Date mit "ihrem" Elefanten versuchen, seiner Sympathie vorab durch Verabreichung eines Bündels Zuckerrohr ein wenig nachzuhelfen. |
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